Ihr Textertipp: Wie der Nominalstil seinen Schrecken verliert

Zu viele Substantive machen Sprache hölzern. Mit ihnen kommt Distanz in den Text hinein – und damit zum Leser. Fatal, wenn im direkten Kundenkontakt der Schreibstil nicht einfach und verständlich, sondern kompliziert wirkt. Abhilfe schafft Ihr Textertipp.

Eine (nicht ganz ernst gemeinte) Definition

Der Nominalstil gilt unter Sprachwissenschaftlern als eine äußerst zähe Gattung. Denn er hat sich im Laufe der (Sprach-)Evolution geschickt dem geänderten Lebensraum angepasst hat. Er ist resistent gegenüber sämtlichen Sprach-Empfehlungen und Verständlichkeits-Studien. Weil er häufig übersehen wird und deshalb den Rotstift unbeschadet überlebt. Gleichzeitig genießt er in ausgewählten Kreisen hohes Ansehen und geht in vielerlei Hinsicht mit Autoren und Verfassern eine feste Kooperation ein.

Natürliches Vorkommen: in wissenschaftlichen Publikationen, Behörden- und Amtssprache, allgemeinen Mitteilungen, Service und Betreuung und im Kundendialog. Dem Nominalstil wird nachgesagt, Dinge zu verkomplizieren und zu abstrahieren. Die Folge: ein starrer und formeller Ausdruck. Aussagen versperren per Unverständlichkeit den Zugang zu Informationen und lassen das Geschriebene so erscheinen, als sei das Geschriebene streng vertraulich. Wer folgen möchte, muss vor allem eines: sehr aufmerksam lesen!

Beispiele gefällig?

„Im Zuge der Verlängerung und Erweiterung Ihres Kontingents ist es ratsam, die Vorlage bis zur gesetzten Frist zur Wiedervorlage und Erneuerung an uns zu übersenden.“

Schneller und besser für den Text:
„Bitte die Vorlage bis zum … zurücksenden“.

„Auf die Erwiderung meiner Nachricht freue ich mich.“

Geht auch so:
„Ich freue mich auf Ihre Antwort“.

Lassen Sie Verben sprechen

Wer präzise und knapp informieren möchte, orientiert sich am Besten an der gesprochenen Sprache. Linguisten nennen dies konzeptionelle Mündlichkeit. So wird Ihr Text lebensnah. Noch besser geht’s mit ausdrucksstarken Verben. Sie tragen die Handlung und verbildlichen das Geschehen. Also „erneuern“ statt „Erneuerung“.

Falls sich der Nominalstil im Text eingenistet hat

Die gute Nachricht: Er ist schnell identifiziert! Per Großschreibung bzw. wegen den typischen Endungen -keit, -heit, -mut, -nis, -schaft, -ung, -tum, -ling, -sal, -tion, -ive, -anz, -tät.

Jedoch: Nicht alles davon ist schlecht! Prüfen Sie dennoch, ob das Substantiv in ein Verb umgewandelt werden kann, ohne die Textaussage dabei zu verfälschen.

Wenn ja: rein damit – falls nein: Vorsicht! Denn mit aller Gewalt sollte ein Substantiv nicht aus dem Text gestrichen werden – es gibt einige, die die Sache bereits treffend beschreiben. Zum Beispiel: Wenn das Haus doch größer ist und eher einer Villa gleicht als einem Bungalow. Dann sollten Sie es mit dem richtigen Ausdruck klar benennen.

So vereinfachen Sie Sprache

Tauschen Sie die sogenannten Funktionsverb-Gefüge durch einfache Verben aus: Also „mitteilen“ statt „Mitteilung machen“, „ansprechen“ statt „zur Sprache bringen“, „erfahren“ statt „in Erfahrung bringen“, „beachten“ statt „Beachtung schenken“ etc.

Vermeiden Sie auch schwerfällige Nominal-Konstruktionen mit Genitiv-Verknüpfung wie „Versuch einer Problemlösung“. Schreiben Sie besser „versuchen, das Problem zu lösen“. So führen Sie präzise. Diese Formulierungen wirken gleich viel dynamischer als der starre Nominalstil. Und einfache Aussagesätze mit Subjekt, Prädikat und Objekt verstehen Leser am besten.

Alle Substantivierungen wie beispielsweise „Gültigkeit haben“ wirken sehr holprig. Also lieber weg damit. Schreiben Sie stattdessen „ist gültig“.

Denken Sie immer an Ihre Zielgruppe. Verwenden Sie keine Fachsprache, wenn Sie die Allgemeinheit ansprechen wollen. Denn hier überwiegt meist der Nominalstil. Und der wirkt sehr distanziert.

Kurzum – auf den Punkt gebracht

Die Texterregel „einfach mal drauf losschreiben“ ist also gar nicht so verkehrt. Meist hemmt sie den Nominalstil und bringt viele Verben wie von alleine in den Text. Ganz typisch: Wir denken nicht im Hauptwortstil – sondern einfach und schnell. Wer das vom Hirn aufs Papier bringt, ohne lange nachzudenken, macht schon den ersten Schritt hin zu aktiver und direkter Sprache. Noch mehr erfahren Sie im Texterseminar. Das nächste Mal am 25. + 26.10.2016 in Düsseldorf.