Ihr Textertipp: Anglizismen

Gibt’s den Coffee to go auch zum Mitnehmen? Einige sehen in Anglizismen eine Bereicherung, andere fürchten um die Sprachkultur. Wie immer gilt: wenn Sender und Empfänger auf Augenhöhe kommunizieren, entsteht kein Gefälle. Ab wann sich aber eine Sprachbarriere auftut und die Verständlichkeit hemmt, zeigt Ihr Textertipp.

Was ist ein Anglizismus? Und ab wann ist es Denglisch?

Wird ein Wort aus dem Englischen in die deutsche Sprache übernommen, ist es ein Anglizismus: Das trifft zu bei Meeting für Besprechung, Timeline für Chronik oder Whistleblower für Enthüller. Oder wie es im Duden heißt: Übertragung einer für [das britische] Englisch charakteristischen sprachlichen Erscheinung auf eine nicht englische Sprache. Dann gilt der Begriff Anglizismus auch für die Formulierung „Das macht Sinn“ (im Original „it makes sense): Wörtlich übersetzt und übernommen verdrängt es „sinnvoll“ oder „einen Sinn ergeben“.

Denglisch ist mehr als eine Bezeichnung. Es drückt Meinung und Missfallen aus. Es zeigt eine negative Wertung, wenn sich englischsprachige Verben und Adjektive in deutsche Sätze mischen: E-Mails checken, Datei downloaden, Version up- oder downgraden, am Baggersee chillen, sich für die Verabredung stylendie Präsentation pimpen, eine Reise canceln.

Segen oder Fluch?

Durch den Kontakt mit anderen Völkern wurden schon immer neue, fremde Wörter aufgenommen. Je nach Ausrichtung der Wirtschaft und des Handels kamen sie aus verschiedenen Sprachen. Beispielsweise wurden im 17. und 18. Jahrhundert vor allem Wörter aus dem Französischen entlehnt. Zu diesen zählen unter anderem Bouillon und Depesche, aber auch Minister, Garderobe und Kompliment.

Heute sind es vor allem Begriffe aus dem Englischen: Bestseller, Teenager und Pullover sind nur einige davon. Diese werden immer schneller aufgenommen, aber auch wieder fallengelassen: Von der Slomo spricht heute niemand mehr. Sie ist, was sie schon immer war: eine Zeitlupe.

Anglizismen gehören heute zu Sprech-, Sprach- und Schreibgewohnheiten. Englische Begriffe tummeln sich zuhauf in unserer Sprache und werden kompromiss- und schmerzlos verwendet. Nur allzu oft werden sie als Teil unserer Sprache wahrgenommen, vom Gegenüber widerstandlos akzeptiert und nicht als Eindringling ausgemacht. Und dann gibt es noch die andere Meinung: Anglizismen verwässern, verflachen und verderben die deutsche Sprache. Sie machen aussagekräftige Wörter zunichte und werfen mehr Fragen auf, als dass sie für Klarheit sorgen.

So viele Anglizismen wie vermutet, tummeln sich dann doch nicht in unserer Sprache. Jedenfalls nicht nach Aussage des Duden-Verlags. 3,5 % unseres Wortschatzes stammen aus dem Englischen.

Es geht noch weiter: Schein- oder Pseudoanglizismen

Das bekannteste Beispiel? Handy! Klingt englisch und wird auch so ausgesprochen; dem englischen Sprachraum aber (in der hiesigen Bedeutung) unbekannt. Was ist denn hier passiert? Theorien gibt es zuhauf, als nachvollziehbar gelten zwei: Das Substantiv Handy ist eine Wortneuschöpfung in Ableitung aus dem englischen Adjektiv handy (=praktisch, klein, handlich) oder von den ersten hand-held Telefonaten in Großbritannien.

Viele von ihnen sind so tief im Sprachgebrauch verwurzelt, dass sie nicht auffallen oder hinterfragt werden. So zum Beispiel bei Oldtimer (englisch = alter Mann), Shootingstar (englisch = Sternschnuppe) oder Blockbuster (englisch für eine Weltkriegsbombe).

Wieso bedienen wir uns Anglizismen?

Um Lücken zu füllen. Ehe umständlich formuliert, um- oder beschrieben wird, kommt ein geläufiges Wort der Fachsprache in den Wortschatz: Download, Hardware, Internet, Intranet, Login, offline, online, Outsourcing, Outdoor, Software, Cloud.

Um kurz und knapp zu beschreiben. Ein- oder Zweisilber sind einprägsamer als mehrsilbige Wörter: E-Mail anstelle von elektronisch übermittelte Nachricht oder Link anstatt weiterführender Verweis in den weltweiten Verbund von ständig abrufbereiten Informationen.

Weil es (noch) keine treffende Bezeichnung gibt. Laptop für Klappcomputer?

Um ein Lebensgefühl (jugendlich, dynamisch, zeitgemäß) oder eine Einstellung auszudrücken: Hipp, in, trendy, checken.

Für Signale à la Modernität, Aktualität oder Internationalität via Berufsbezeichnung (B2B Manager, Marketing Trainee, CRM Consultant) oder Teil einer Werbebotschaft (power, light, sale).

Anwenden oder nicht? Beachten Sie:

Ihr Gegenüber muss lückenlos verstehen.

Weniger ist mehr! Nur so viele, wie unbedingt notwendig.

Nicht zwangsweise nach Ersatz suchen oder eindeutschen! Hat ein sich ein Anglizismus im Sprachgebrauch bewährt, belassen wir es dabei.

Prüfen Sie englischsprachige Ausdrücke und Floskeln gewissenhaft: Gibt es ein passendes Wort im Deutschen? 

Hören Sie hin: Achten Sie auf die Sprache Ihrer Zielgruppe und fragen Sie sich. Was fällt auf? Tendiert sie auffällig zu Anglizismen, stört sie sich nicht daran oder verweigert sie sich ihnen durch und durch? Diese Haltung müssen Ihre Texte aufnehmen.

Kurzum – auf den Punkt gebracht

Wie so oft gilt, den Bogen nicht zu überspannen. Weil die Dosis das Gift macht. Wer seine Texte mit Anglizismen überfrachtet, strapaziert die Geduld des Lesers. Wer Texte gewissenhaft prüft, macht aus „Voten Sie mit“ stets „Stimmen Sie ab“.

Wie viel Anglizismen ein guter Text verträgt, erfahren Sie auch in meinem Texterseminar. Das nächste Mal am 22. + 23.03. in Düsseldorf.