Wenn Verben zu Substantiven werden

"Mit der Verordnung über die Aufbringung und Gewährung von Beihilfen zur Abdeckung von Erlösminderungen, die infolge …". Stopp! Bei so viel -ung erlöse ich Sie an dieser Stelle besser und breche den Satz ab. Denn hier will wohl niemand wissen, wie es weitergeht. Der Grund: zu viele Substantive. Sie bremsen den Text, machen ihn unpersönlich und schwer zu lesen. Dabei lässt sich diese "Ung-erei" mit ein paar Tipps ganz schnell durch lebendige Verben ersetzen. Ihr heutiger Textertipp zeigt Ihnen, wie Sie aus steifen Sätzen wieder flüssiges Deutsch machen.

Schreiben Sie "verblich"

Eine der ersten Regeln für Texter lautet: Das Verb ist das entscheidende Wort. Das Verb transportiert die Aussage des Satzes. Hier tut sich was: Deshalb hieß das Verb früher auch "Tuwort" oder "Tunwort". Der Tipp: Schreiben Sie "verblich". Ein großes Hindernis dabei ist der so genannte Nominalstil, der aus Verben einfach Substantive macht. Die Folge: Die Sätze werden zwar meist kürzer, aber deutlich abstrakter und steifer. Aus "Er hat sein Abitur gemacht" wird dann "die Erreichung der Hochschulreife". Nicht gerade wünschenswert – besonders für einen Werbetext. Ein weiterer Nachteil: Der Satz wird unpersönlich, Ihnen fehlt das "Sie", die persönliche Anrede.

Meiden Sie abstrakte Substantive

Substantive sind die Hauptdarsteller auf der Wortbühne. Aber: Viele Substantive sind nicht bildhaft und anschaulich. Sie enden meist auf -ung, -keit, -ismus, -heit, -ät, -ion oder -ive. Aber diese Bilder, die Ihr Text im Kopf des Lesers auslöst, sind besonders in Verkaufstexten wichtig. Sie wecken Emotionen und machen Ihr Angebot stark. Bildleere Substantive können das nicht. Oder läuft in Ihrem Kopfkino bei Worten wie "Materialismus", "Intensität" oder "Anschaffung" ein Film an? Wohl nicht. Daher kommen hier einige Beispiele, wie Sie es besser machen.

 

Das Reinigen, das Kontrollieren etc. – die Bremsen für jeden Satz …

Das Reinigen der Anlage geschieht automatisch

Besser: Und das Beste: Die Anlage reinigt sich ganz von selbst!

Zwei Sätze, die genau das Gleiche sagen. Trotzdem motiviert nur der Stil des zweiten Satzes zum Weiterlesen. Wohingegen der erste nur eines sagt: "Bring mich schnell zum Papierkorb."

 

Noch mehr Beispiele:

Das Kontrollieren der Maschine übernehmen wir.

Besser: Wir kontrollieren die Maschine für Sie.

Damit ist das Funktionieren immer gesichert.

Besser: So gehen Sie sicher: Der Apparat funktioniert!

Das XS-Ticket besitzt in der ersten Klasse des Zuges keine Gültigkeit.

Besser: Das XS-Ticket ist in der ersten Klasse des Zuges ungültig.

 

Die große Ausnahme: abstrakt, aber mit Gefühl

Aber auch unter den Substantiven gibt es "gute" Wörter. So drücken einige von ihnen Gefühle aus, die wir erleben, die wir nachvollziehen können. Das Wort "Liebe" löst etwas aus. "Hass" bringt uns konkrete Bilder vor das Auge. Gleiches gilt zum Beispiel für "Trauer", "Neid" oder "Glück".

 

Was den Nominalstil noch sperriger macht

Eine besondere Unter-Form des Nominalstils sind die so genannten Funktionsverb-Gefüge. Der Name ist hier Programm. Funktionsverbgefüge sind dröge Konstruktionen aus Verb und Substantiv, die nur nach Beamten-Deutsch klingen. Hier werden schwache Verben wie "bringen", "kommen", "bilden" oder "durchführen" mit abstrakten Substantiven kombiniert – ein doppelter Erfolgskiller für Ihren Text. Das Ergebnis: sprachliche Gebilde wie "eine Veränderung vornehmen", "zum Ausdruck bringen", "in Verbindung bringen" oder "zur Verfügung stehen". Diese Formulierungen nehmen jeglichen Schwung aus Ihrem Text und lassen ihn langsam und aufgebläht erscheinen. Meine Empfehlung: Ersetzten Sie diese Funktionsverbgefüge durch ein einfaches Verb. Also: "verändern", "ausdrücken" oder "verbinden". So klingt Ihr Angebot wesentlich lebendiger und ansprechender.

Wenn unser Produkt zur Anwendung kommt, ...

Besser: Nutzen Sie unser Produkt, dann …

Alle, bei denen diese Technik zum Einsatz kommt...

Besser: Wenn Sie diese Technik nutzen, sind Sie sicher: …

Hier eine kleine "schwarze Liste" mit weiteren Wendungen, die Sie ganz schnell wieder vergessen sollen, und die dazugehörigen Verbesserungs-Vorschläge:

 

Helfen gegen starre Funktionsverbgefüge: starke Verben

  • Beachtung schenken → beachten
  • Rache nehmen → rächen
  • das Problem zur Sprache bringen → das Problem ansprechen
  • in Versuchung führen → versuchen
  • Hilfe leisten → helfen
  • in Ordnung bringen → ordnen
  • in Anspruch nehmen → beanspruchen
  • in Begeisterung versetzen → begeistern

Auf die Spitze getrieben

Die tollste Sprach-Akrobatik in Sachen "Verkomplizierung von Verben" findet sich aber in der Beamtensprache. So schreibt das Amt statt "Das Kind wurde von einer Pflegefamilie aufgenommen" ganz korrekt: "Die Beelterung des Kindes wurde vollzogen." Noch mehr lesen Sie in einer eher weniger kindgerechten Version des beliebten Grimm-Märchens "Rotkäppchen": Hier geht’s zum Rotkäppchen auf Amtsdeutsch.

 

Ein Wort zum Schluss ...

Noch mehr Tipps zu Nominalstil und zur Wortwahl hören Sie in meinen Seminaren! Ich freue mich auf ein baldiges "Wieder-Lesen" oder "Wieder-Sehen". Für heute wünsche ich Ihnen wieder viel Erfolg bei der Umsetzung, viele neue Ideen und viel Freude beim Schreiben!