Was ist so schlimm an der Wortmonsteranhäufungstradition?

Wortmonster haben sich vielerorts in unsere Sprache geschlichen - teils in Form von Fachchinesisch oder firmen-interner Begriffe. Das Problem: Wortmonster stellen einfache Sachverhalte oft unnötig kompliziert dar und - sie lassen sich nur schlecht lesen. Beides erschwert Ihrem Werbebrief das Überleben in den Büros dieser Welt. Meistens hat der Werbeleser Ihre Informationen nicht angefordert und widmet sich nur wenige Sekunden Ihrem Werbebrief. Erschweren ihm dabei Wortmonster den Einstieg in den Brief, landet dieser vermutlich bald darauf im Papierkorb.

 

Liest du noch, oder fliegst du schon?

Geübte Leser lesen nicht mehr Buchstabe für Buchstabe - sie erkennen kurze Wörter schon im Überfliegen. Glauben Sie nicht? Gut, dann lesen Sie doch einfach mal den folgenden Satz! Lesen Sie einfach drauf los - überfliegen Sie die Wörter:

 

Enie eglcshine Uvrensätit fnad haures, dsas uesnr Ague acuh Wterör lseen knan, deern Btsauchben in enier fslachen Riefoenhlge sethen - stimmt doch oder?

Die einzige Bedingung ist, dass Anfangs- und Endbuchstabe an ihrer richtigen Position bleiben. Trotzdem werden Sie beim ersten Leseversuch an der ein oder anderen Stelle ins Stocken geraten sein - diese Worte waren auf den ersten Blick nicht sofort erkennbar, der Lesefluss wurde unterbrochen. Genauso geht es Ihrem Leser, wenn er auf Wortmonster trifft. Je länger das Wort, desto schwieriger ist es zu lesen.

 

In der Kürze liegt die Würze ...

Unser Auge gleitet beim Lesen nicht gleichmäßig über die Zeilen, sondern springt von Augenhaltepunkt (Fixation) zu Haltepunkt. Dabei verweilt der Blick pro Haltepunkt durchschnittlich zwei Zehntel Sekunden. In dieser Zeit erkennt das Auge Buchstaben und Wörter und sucht sich bereits den nächsten Haltepunkt in der Zeile. Der Fixations-Bereich umfasst im normalen Leseabstand eine Kreisfläche von etwa drei Zentimetern Durchmesser. Alles, was außerhalb dieser Fläche liegt, wird nur unscharf wahrgenommen. Wörter, die aus fünf oder mehr Silben bestehen, gehen über den Fixations-Bereich hinaus - So hat es das Auge schwer, das Wort mit nur einer Fixation zu erkennen.

 

 

3 einfache Regeln: So bekämpfen Sie Wortmonster ...

Kurze, zweisilbige Wörter lesen sich am einfachsten. Sie wirken wie ein Bild auf den Leser - das Wort und seine Bedeutung werden mit einem ersten Blick erfasst. Als Faustregel: Meiden Sie Begriffe, die mehr als vier Silben haben. Wenn das nicht funktioniert, gibt's drei einfache Regeln, wie Sie Wortmonster schnell erlegen.

 

1. Formulieren Sie um!

Wortmonster wie Direktmarketingabteilungsleiter werden vom Leser nur langsam erfasst. Einfacher wird's mit einer Umformulierung im Genitiv - Leiter der Abteilung für Direktmarketing. Generell gilt: Vorteile nach vorne! Schreiben Sie statt "Bodenfliesenqualität" von der "Qualität der Bodenfliesen". Verstecken Sie Ihre Produkt-Vorteile nicht in Wortmonstern, sondern heben Sie sie hervor!

 

2. Sagen Sie es mit anderen Worten!

Viele Wortmonster lassen sich durch ein passendes Synonym einfacher und vor allem kürzer ausdrücken. Statt "schriftlicher Korrespondenz" empfiehlt sich der schnelle "Briefwechsel". Statt "Personenkraftwagen" geht auch einfach "Auto" oder das gängige Kürzel "PKW". Wem partout kein treffendes Synonym einfällt, dem wird auf der Seite www.wortschatz.uni-leipzig.de geholfen. Hier finden Sie zu jedem Wort ausführliche Informationen zu Synonymen, grammatische Besonderheiten, Querverweise und vieles mehr.

 

3. Teilen Sie das Wort mit Bindestrichen!

Der "Rinderlendenspießbraten" ist am Stück nur schwer verdaulich. Einfacher wird's wenn Sie dieses Wortmonster in kleine, gut lesbare Häppchen unterteilen. Der Rinderlenden-Spießbraten geht leicht über die Zunge und verdirbt dem Leser nicht den Appetit weiterzulesen.

 

Binde-Striche - ist das erlaubt?

Ja, ist es. Die neue Rechtschreibung erlaubt es, Wörter, die aus mehreren Substantiven bestehen, durch Bindestriche in diese zu unterteilen. Auch wenn es Ihnen ungewohnt und vielleicht falsch erscheint, sollten Sie diese Möglichkeit nutzen, Wortmonster zu zerteilen. Die alte Schreibregelung mag Ihnen korrekter erscheinen und Sie werden ihr auch überall in Texten begegnen - so verkaufen Sie aber nicht! In keinem anderen Text ist der Lesefluss so wichtig wie beim Werbebrief. Wortmonster stehen dem im Weg. Unterteilen Sie Wortmonster mit Bindestrichen, schaffen Sie Inseln für das Auge Ihres Lesers - und halten ihn so im Lesefluss.

 

Muss ich jedes lange Wort zerteilen?

Nein! Wenden Sie die Regeln Ihres heutigen Textertipps einfach mit Augenmaß an. Manchmal liegen unsere Produktnamen ja bereits über der "kritischen Grenze". Wenige Vier-, Fünf- oder Sechs-Silber stören beim Lesen nicht. Aber auch hier bestätigen die berühmten Ausnahmen die Regel. Manchmal ist weniger die Anzahl der Silben entscheidend, sondern ihre Kombination. Ein Beispiel ist der Begriff "Zwergelstern". Auf den ersten Blick erkennt das Auge die Sinneinheit "Zwerge" - und ist schon auf der falschen Fährte. Denn der Rest des Wortes ergibt so keinen Sinn. In diesem Falle ist es besser, selbst das kurze dreisilbige Wort zu unterteilen: "Zwerg-Elstern" liest sich einfach leichter. Kurz gesagt: Lassen Sie sich beim Trennen von Wörtern am besten von Ihrem Gefühl leiten. Doch wenn sich Wortmonster häufen, wirkt Ihr Text in seiner Gesamtheit schwer lesbar - und das wäre doch schade.

 

Ein Wort zum Schluss ...

Noch mehr Tipps zu Wortwahl und Satzbau hören Sie in meinen Seminaren. Ich freue mich auf ein baldiges "Wieder-Lesen" oder "Wieder-Sehen". Für heute wünsche ich Ihnen wieder viel Erfolg bei der Umsetzung, viele neue Ideen und viel Freude beim Schreiben!