Ihr Textertipp: Mit Kofferwörter auf kreativen Textfang | Textakademie

Ihr Textertipp: Mit Kofferwörter auf kreativen Textfang

 

Teuro, Grexit oder Bollywood? Bekannt, weil tausendfach gehört! Kennen Sie aber auch die linguistische Bezeichnung, die dahintersteckt? Sogenannte Kofferwörter sind Verschmelzungen bekannter Begriffe, aus denen neue entstehen. Der Textertipp verrät mehr über bekannte Vertreter dieser Gattung und deren Einsatz.

Kofferwort: noch nie gehört?

Von einem Kofferwort spricht man, wenn Teile einzelner Wörter verschmelzen und daraus eine neue Bedeutung entsteht. Oder noch genauer, laut Duden: Es entsteht eine Kontamination – auch Portmanteau oder Kofferwort genannt – wenn Wörter (meist zwei) zusammengezogen werden, die formal und / oder inhaltlich verwandt sind.

Aus der Wissenschaft

Sie sind kein Phänomen der letzten Jahre, sondern alt. Als Geburtsstunde nennen Linguisten die Fortsetzungsgeschichte zu Alice im Wunderland (Alice hinter den Spiegeln, 1871). Dort wird ein Gedicht rezitiert, das größtenteils aus frei erfundenen und / oder zusammengesetzten Wörtern besteht. Diese neue und bis dahin offensichtlich unbekannte oder nicht näher bezeichnete Wortart wurde mit einem Handkoffer der damaligen Zeit verglichen: Hier finden Gegenstände unterschiedlichster Art Platz und purzeln auf Reisen munter durcheinander. Übertragen auf die Sprache geschieht das bei Teilen von Wörtern, die zu einem neuen Wort vermischt werden und daraus eine neue Bedeutung entsteht.

 

Übrigens sind Kofferwörter nicht nur in der Umgangssprache zu finden, sondern auch in der Literatur: Zum Beispiel in Werken von Heinrich Heine oder Michael Ende.

Was sie können

Sie verkürzen Sachverhalte prägnant auf das Wesentliche und betonen den Kern der Sache. Vorausgesetzt, die Leser kennen die vorherrschende Diskussion und können zusammengesetzte Begriffe mit ihrem Wissensschatz und den daraus gewonnenen Erkenntnissen in Einklang bringen.

 

Wir verstehen sie leichter und schneller, wenn sie sich auf die aktuelle Nachrichtenlage beziehen oder ihr entstammen: Mittlerweile ist klar, was mit Grexit gemeint ist. Lediglich der Besonderheit der Verschmelzung (aus dem Englischen Greece und Exit) war es geschuldet, dass anfangs dieses Kofferwort meist nur mit einer nachgestellten Bedeutung erklärt wurde. Das ist mittlerweile überflüssig.

 

Andere Bezeichnungen verschwinden aus dem Sprachgebrauch oder werden vergessen, da sie sich auf ein einmaliges oder temporäres Ereignis beziehen: Merkozy für die Zusammenarbeit zwischen Merkel und Sarkozy oder den Besserwessi (Besserwisser und Wessi) aus der Wendezeit.

 

Bei manchen hingegen übersieht man die Verschmelzung, weil sie sich fest im Sprachgebrauch verankert haben: Smog, Motel, Politesse, Webinar, Organigramm, Internet. Heißt also: Wenn ein Kofferwort plakativ abkürzt und sich im Klang den vorherrschenden Gebräuchen anpasst, hat es große Chancen, sich durchzusetzen. In vielen Fällen erleichtert es den Sprachgebrauch, macht ihn einfacher und schneller.

Kofferwörter für Texte oder Marken

Sie sind beliebt, um dem neu entstandenen Wort eine Botschaft einzupflanzen. Oder einen entscheidenden Vorteil, ein Merkmal oder die Funktionsweise anzudeuten: Um so gleichzeitig mehr über die Marke oder deren Orientierung preiszugeben. Beispiele?

  • <i>Bionade</i> (<i>Bio</i> und Limo<i>nade</i>).
  • <i>Osram</i> aus den einst verwendeten Metallen für Glühfäden (<i>Os</i>mium + Wolf<i>ram</i>).
  • <i>Nescafé</i> (aus <i>Nes</i>tlé und <i>Café</i>).

Bitte beachten

Für die eigenen Wort-Kreationen heißt das im Umkehrschluss:

1. Die Teile des neuen Begriffs müssen bekannt, schnell und einfach dekorfähig sein.

2. Unbedingt den Sprachklang beachten: Wie wird das neue Wort ausgesprochen und wie wirken die Silben zueinander? Folgt auf einen harten Klang ein weicher, wechselt stimmhaft zu stimmlos? Passt der Klang zum beschriebenen Produkt? Geht es um Geschenke, die von Herzen kommen, würde ein harter und harscher Klang das Produkt entwerten.

3. Bei überregionalem oder grenzübergreifendem Einsatz unbedingt prüfen, ob ein Kofferwort nicht zufällig abfällige Begriffe oder Bezeichnungen des Dialekts oder der Landessprache trifft.

4. Nicht übertreiben!

Andere Länder, andere Sitten?

Nein! Weil Sprache sich ständig entwickelt, entstehen auch anderenorts neue Zusammensetzungen:

  • <i>Pinterest</i> (aus dem Englischen: <i>pin</i> für anheften und <i>interest</i> für Interesse).
  • <i>Groupon</i> (<i>Group</i> und <i>Coupon</i>).
  • <i>Fuleco</i> (das Maskottchen der Fußball WM 2014, zusammengesetzt aus den portugiesischen Begriffen für Fußball und Ökologie).

Zum Schluss ...

Kofferwörter funktionieren und finden Anklang, wenn sie kurz, prägnant und eingängig sind. Damit tragen sie die wesentlichen Elemente verständlicher Sprache in sich.

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